Die folgende Kurzgeschichte ist mir jüngst wieder in die Hände gefallen und ich möchte sie hier gern vorstellen. Ein paar Kleinigkeiten, die mir ins Auge stachen, habe ich ver(schlimm)bessert. Ich freue mich, wie immer, über Feedback und wünsche viel Spaß beim Lesen. Herzlichst, Euer Ulle.
DER UMZUG – Version 2026
Ulrich Schiefelbein
Original veröffentlicht in der Anthologie »Brücken« 2005 / ISBN-99938-31-71-9
Nebel, nichts als Nebel, wohin er sich auch drehte. Feuchte, sumpfige, braune Erde hinter dem Haus. Mühsam geplättet. Es roch nach modernden Pflanzen. Seinem Kollegen hatte er gesagt, er müsse mal. Das stimmte auch. Dann sah er die Krähe. Seine Schritte schreckten auf. Schwerer Tritt auf matschigem Grund. Klebrig wie Sirup, Wasser herausgepresst, hinterließ Blasen, manche durchsichtig, andere trüb. Abdrücke schwerer Arbeitsschuhe. Grobes Profil stempelte. Wie in Zeitlupe ging es vorwärts.
Krächzend schwang die Krähe ihre schwarzen Flügel. Wie in Zeitlupe stieg sie aus dem Morast. Ihr fiel es auch nicht leicht, so schien es, sich zu lösen, vom Boden. Immer wieder dieses Aufraffen. Jedes Mal. Wie Kleister an den Schuhen klebte dieser braune Sumpf.
Vor ihm weiß-graue Stille. Hinter ihm weiß-graue Stille. Nichts mehr zu sehen von seinem Kollegen und dem großen Lastwagen. Er stellte sich vor, wie der Kollege die schwere Tür zum Laderaum öffnete. Quietschend wie immer gäbe sie dem Zug nach. Kalt war es. Der Nebel saugte letzte Reste von Sommerwärme aus dem Boden. Schon bald würde er hart wie Stein sein und zugedeckt mit Schnee. Sterbrock, Wiesenstraße15, 3. Etage, stand auf dem Zettel, den er jetzt aus der Brusttasche seiner Latzhose zog. Er knüllte ihn zusammen und ließ ihn fallen. Sein Kollege war bestimmt schon mit der Sackkarre unterwegs nach oben. Würde schon einmal Kartons hinunterbringen. Warten, dass er zur Hilfe eilte. Irgendwann fluchend. Wo bleibt der Mistkerl? Sauhund! Lässt mich hier allein schleppen.
Wenn sie einmal fliegen, die Krähen, wandelt sich die Bewegung. In der Luft spielerisch, leicht wie Federn, schweben sie vorwärts. Tauchen auf aus dem Nebel. Sehen Sonnenlicht. Sein Schritt dagegen: Immer noch klebrig am Grund.
Das Zirkuszelt, blau-weiß-rot. Eine Frau trat aus einem farblosen Wohnwagen. Geschickt warf sie mit beiden Händen ihre langen, dunklen Haare zu einem Zopf zusammen, bändigte sie mit einem Gummi. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und rieb mit den Handinnenflächen auf der weißen Angora Jacke. Ein Seufzer. Dann ging sie über den seifigen Lehmboden hinüber ins Zelt.
“Wann zieht ihr weiter?”
Der Frau entfuhr ein spitzer Schrei. Blitzschnell wandte
sie sich um. Angst erkannt er in dem Blick, der seine Augen traf.
“Tschuldigung, wollte Sie nicht erschrecken?”
Sie fing sich.
“Nicht so schlimm, habe nicht mit Fremden gerechnet, jetzt.”
“Wann zieht ihr weiter?” Er wiederholte die Frage.
“Heute! Nach Süden!”
“Kann ich mit nach Süden?”
“Wir brauchen keine Arbeiter! Haben kaum genug Geld für uns.”
“Immer sitze ich in diesem Lastwagen. Landschaften ziehen vorbei, Städte, Menschen. Wenn der Wagen steht, Möbel herauf und herunter schleppen. Dann weiter. Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Es ist genug!”
“Sie wollen gar nicht arbeiten?”
“Ich will Landschaften atmen, fühlen, schmecken. Ich will Kaffee trinken und dabei auf einen See schauen. Ich will durch einen Wald gehen, kühle Feuchte spüren. Die Sonne am Himmel beobachten und ins Meer springen. Und dann und wann – nichts von alledem.”
“Hallo, ist da wer?”
Der Ruf kam von draußen, aber nah, ganz nah. Gefahr! Er erkannte sie, die Stimme seines Kollegen. Den Zeigefinger der rechten Hand legte er sich auf den Mund, sah die Frau an. Verrate mich nicht! Hilf mir! Jetzt! Dann wich er zurück. Tiefer hinein in das Dunkle des Zeltes. Die Frau drehte sich um und ging schnell hinaus.
“Haben Sie einen Mann in Arbeitskleidung gesehen? Ist er hier vorbeigekommen?” Der Kollege gestikulierte wild. Aufgeregt.
“Jetzt muss er kommen, wissen Sie. Die Möbel kann ich nicht auch noch allein schleppen. Alle Kisten habe ich schon heruntergetragen. Aus dem dritten Stock. Lässt mich allein arbeiten. Schweinehund!”
“Nein, hier war niemand”, sagte die Frau leise und zog ihre Schultern hoch. Er konnte es kaum hören, im Zelt.
Alles wird leichter, wenn man einmal fliegt, viel leichter.
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