Ein Besuch in der Maison Schuman in Scy-Chazelles
Vor mehr als fünfundsiebzig Jahren änderte eine Initiative die Geschichte Europas. Am 09. Mai 1950 hielt der damalige französische Außenminister Robert Schuman eine Rede, die in europäischen Hauptstädten einschlug wie eine Bombe. Ich will herausfinden, was diesen Mann dazu brachte eine europäische Union für Kohle und Stahl vorzuschlagen und damit erstmals die wirtschaftliche Zusammenarbeit europäischer Staaten zu fordern.
Im Sommer 2025 mache ich mich auf in das lothringische Metz, genauer gesagt in den Stadtteil Scy-Chazelles. Dort lebte Robert Schuman in einem Anwesen hoch über dem Moseltal von 1926 bis zu seinem Tod im Jahr 1963.

Ich nähere mich meinem Ziel, dem Wohnhaus und Robert Schuman/Museum in Metz von der deutschen Seite kommend. Die Fahrt geht durch eine Landschaft rollender sanfter Hügel voller grüner Wiesen, Wäldern und Getreidefeldern. Hin und wieder tauchen Sonnenblumenfelder am Wegrand auf. Verstreut liegen jahrhundertealter Dörfer in den Tälern. Im Sonnenschein spiegelt diese Landschaft eine friedliche Idylle, weit entfernt von Krieg und anderen Gräueltaten. Und doch, überall lauert die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse etlicher Kriege, die mit immer größerer Intensität und Brutalität zwischen Deutschen und Franzosen geführt wurden. Es scheint als habe mit der Intensität auch die Häufigkeit der Kriege zugenommen. Am Ende waren sie ein Ereignis die jede aufwachsende Generation traf: 1870, 1914, 1939. Unzählbare Mengen weißer Kreuze finden sich auf den Gräbern der Millionen Opfer, Soldaten, Zivilisten, Kinder, Greise. Was haben sie durchlebt? Kriegsgräber finden sich hier überall. In Städten und Dörfern zeugen Denkmäler und Museen von dem Grauen.
Der Tod ist überall präsent
Metz liegt in Lothringen und es ist eine dieser Gegenden die ständiger Zankapfel zwischen Franzosen und Deutschen waren. Es ging um Hegemonialansprüche, um Eisenerz, Kohle und Stahl. Unverzichtbar für den Bau von Waffen. Das deutsche Kaiserreich strebte gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen massiven Ausbau seiner Kriegsflotte an. Der Bedarf von Eisenerz, Kohle und Stahl stieg mit den Grossmachtsphantasien. Steigende Industrieproduktion führte folgerichtig auch zu steigendem Wohlstand und somit war auch das Volk zufrieden. Das mit der steigenden Produktion von Kriegswaffen auch das Tötungspotential massiv anwuchs war ebenso eine Folge davon wie die steigende Bereitschaft zum bewaffneten Konflikt. Auf französischer Seite lag ein Großteil des Eisenerzes, auf deutscher entwickelte sich eine pulsierende Eisen- und Stahlindustrie, besonders im grenznahen Saarland. Wäre es da nicht von Vorteil beides in einem Land zu vereinen, die Rohstoffe und die Industrie? Ein so verlockender Gedanke, dass weder Franzosen noch Deutsche der Versuchung widerstehen konnten. Und so kam es zu den Kriegen und den Folgen, mit denen für Bürgerinnen und Bürger oftmals ein Nationalitätenwechsel einherging. Französisch, dann Deutsch, dann wieder Französisch. Kulturelle Wurzeln dieses Wechselspiels finden sich bis heute in Elsass-Lothringen und in der Saarregion, sprachliches Kauderwelsch inklusive.
In diesem Umfeld war der Mann zuhause, der Europa formen und endlich den teuflischen Kreislauf immer neuer Krieg stoppen sollte. Robert Schuman wurde in Metz geboren und wuchs in Luxemburg auf. Geboren wurde er als Deutscher, seine Muttersprache war luxemburgisch und Geschichte schrieb er als Franzose. Es fällt mir schwer, mir auch nur ansatzweise vorzustellen was ein solches Schicksal mit einem Menschen macht, wie es seinen Charakter schleift und prägt. Die Menschen in jener Zeit lebten damit, ihr Leben unter wechselnden nationalen Regierungen einzurichten. Kriegstraumata, die ständige Angst vor Gräueln und Verlust von geliebten Menschen begleitete Generationen. So gesehen war es folgerichtig, dass jemand der all das erlebt hatte, die Energie und Motivation aufbrachte es ein für allemal zu stoppen. Und doch ist es eine Geschichte, die eigentlich zu schön klingt, um wahr zu sein. Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Kriegen aus Habgier, bis heute. Im Anblick des Kollateralschadens des zweiten Weltkrieges sollte genau das aufhören, die herrschenden Eliten fortan ihr Vormachtsstreben aufgeben für eine gemeinsame Industrieproduktion. Nach allem was geschehen war, klang das fabelhaft. Doch genauso wird Schumans aufrechterhalten. Nachzuvollziehen in EU-Medien, im Schuman-Museum, in der ARD-Fernsehdokumentation deren Link Du unten findest und auf diversen Internet-Seiten.
Der Geist ist aus der Flasche
Dabei war die Idee vom vereinten Europa ja nicht neu. Ganz im Gegenteil, sie ist Jahrhunderte alt und Stoff für ein Buch. Doch bleiben wir bei Schuman. Es brauchte den nachhallenden Schock der Millionen Kriegstoten und Schumans Rede um den Geist aus der Flasche zu lassen. Ohne die Verdienste Schumans zu schmälern, habe ich den Eindruck, dass der Vorschlag den er im Namen der französischen Regierung unterbreitete, der politischen Notwendigkeit geschuldet war und nicht allein auf Menschenliebe beruhte. Ich berufe mich hier auf den britischen Historiker John Gillingham, der sich in einem 1976 erschienenen Essay mit der französischen „Ruhrpolitik“ und der grundsätzlichen Haltung zum Umgang mit Deutschland nach dem 2. Weltkrieg auseinandersetzte. Als ich den vierundzwanzig Seiten langen Text las wurde mir schnell klar, dass Frankreich eigentlich eine harte Bestrafung Deutschlands im Sinn hatte und nur auf Druck von außen nach und nach davon abrückte. Immer dann wenn es erkannte, dass die anderen Alliierten, besonders die amerikanischen und britischen Regierungen, andere Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands hatten. Frankreich hätte das Ruhrgebiet gern unter internationale Aufsicht gestellt, deutsche Stahlkonzerne enteignet und dergleichen mehr. Nach der gescheiterten Alliiertenkonferenz in London 1947 wurde jedoch immer deutlicher, dass diese Vorschläge sich nicht realisieren ließen. Ganz im Gegenteil, die amerikanische Regierung half der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland nicht nur beim wirtschaftlichen Wiederaufbau, sondern begann auch mit einer militärischen Aufrüstung des jungen Staates. Das gefiel den Regierenden in Paris nicht, doch sie hatten keine ausreichenden politischen Hebel.
Politische Spiele
Parallel dazu gab es schon seit 1944 Pläne zur Gründung einer westeuropäischen Union, die ihre Industrieproduktion zusammenlegen und auf längere Sicht wohl auch eine supranationale Regierung stellen sollte. Selbst Winston Churchill unterstützte diese Pläne in den ersten Nachkriegsjahren. In Frankreich schmiedete man das Eisen, allerdings spielte für die französische Regierung Deutschland darin keine Rolle oder sollte jedenfalls nicht mitbestimmend wirken können. Erst als auch die Franzosen erkannten, dass Amerikaner und Briten auf Deutschland als gleichberechtigte Nation in dieser neuen Union pochten, schwenkte die Regierung zähneknirschend auf den internationalen Kurs ein. Mit der aus der Not heraus geborenen Schuman-Erklärung gelang ein Coup, dessen Ausmaß damals vermutlich nicht absehbar war. Dafür gebührt Schuman Dank, doch die Idee war weder seine noch die von Jean Monnet wie so oft behauptet wird, dem umtriebigen und allgegenwärtigen Berater der französischen Regierung. Sie war das Ergebnis langjähriger internationaler Gedankenspiele zur Gestaltung eines Zusammenlebens der Völker Europas in Frieden und Einheit.
Schlussfolgerung
Ich glaube, dass die französische Regierung sich 1950 sehr genau ihrer verbliebenen Optionen bewußt war. Nach dem alle Bemühungen Deutschland politisch und wirtschaftlich klein zu halten gescheitert waren, blieb nur der Ausweg, eine Kooperation vorzuschlagen. Die Angst vor einem wieder erstarkenden Deutschland muss immens gewesen sein. Aussenminister Schuman wurde aus diesen Überlegungen heraus beauftragt die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Kohle und Stahl (EGKS) vorzuschlagen um damit zu erreichen, dass alle zukünftige Schritte deutscher Regierungen transparent sein und mit den Gemeinschaftsmitgliederen abgestimmt werden müssten. Soviel Kontrolle musste sein.

Videosimulation von Schumans Rede im Museum
Das Ergebnis zählt
Am Ende ist egal was die französische Regierung bewog, den Vorschlag auszuarbeiten den Schuman dann der Weltöffentlichkeit präsentierte. Es ist unstrittig, dass der 09. Mai 1950 berechtigterweise als der Geburtstag der Europäischen Union gesehen wird. Bei meiner Begegnung mit Robert Schuman habe ich eine neue Sichtweise auf die Ereignisse jener Zeit bekommen. Besonders bemerkenswert finde ich, dass der Vorstoss Frankreichs, vorgetragen von Schuman, den Zyklus der europäischen Kriege für sehr lange, hoffentlich für immer, beendet hat. Und davon haben mit mir alle nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen profitiert.
MAISON SCHUMAN
Im Anwesen Schuman’s findest Du seine Wohnräume, den Garten und das Museum. Der Eintritt betrug im Juli 2025 fünf Euro pro Person. Zwei Minuten Fussweg sind es bis zum kostenfreien Parkplatz. Die Strassen hinauf zur Maison Schuman sind sehr eng. Mit meinem sechs Meter langen Camper war das noch okay. Eignern grösserer Mobile empfehle ich den Busparkplatz (Car Park 2) im Tal. Der Fussweg von dort bergauf ist allerdings beschwerlich. Der Bus N89 fährt von Metz aus zur Haltestelle „Schuman“. Das Museum selbst hat drei grosse Räume. Im Erdgeschoss gibt es Informationen über die historische Idee von Europa und über die Personen die sich dafür eingesetzt haben. Im Obergeschoss findest Du eine Ausstellung über das Leben Schuman’s und eine Ausstellung über die Entstehung der EU. Nachteilig ist, dass die gesamte Präsentation ausschließlich in Französisch gestaltet ist. Du kannst aber einen Audioguide in andere Sprachen auf Dein Mobiltelefon scannen (Kopfhörer nicht vergessen). Das hat bei meinem Besuch gut funktioniert. Ich fand es aber ein bisschen nervig und hätte mich gefreut wenn mindestens ein englischsprachiger Text neben dem französischen an den Exponaten gestanden hätte.



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Der Wortlaut der Schuman-Erklärung
In der ARD Mediathek findet sich die folgende Dokumentation: Für Europa – Robert Schuman wiederentdecken

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